Version 1.0 Gerhard - Hermann Kuhlmann, März 2015

Aufzeichnungen von Martha Teutmeyer aus den Jahren 1944 - 1951

21. Juni 1945

Am 21. Juni schrie plötzlich das ganze Haus "Hans kommt"! Von weitem schon hatte man ihn gesehen und angekündigt. Wahrhaftig, er war es. Aus einem Gefangenenlager bei Eutin war er mit einem Transport auf englischen .... bis Detmold gebracht. Er war am 8.Mai in Kurland mit dem letzten Flugzeug aufgestiegen. Das nächste, das fünf Minuten später aufsteigen wollte, kam nicht mehr fort, weil der Erdboden zu stark aufgeweicht war.  In Schleswig-Holstein kam Hans in amerikanische Gefangenschaft und wurde durch drei Gefangenenlager geschleust. Lager mit ihren unvermeidlichen Schwierigkeiten, bei schmaler Kost und Aufenthalt im Freien ohne Zelte. Er hatte in einem Lager ziemliche Erleichterung durch Dolmetschertätigkeit. Seine Stationen als Soldat waren: Hannover Bothfeld, Freiburg, Magdeburg, Guernsey, Senftenberg, Thorn und Kurland. Nach sechs Kriegsjahren war er nun unverletzt und wohlbehalten wieder auf dem Hofe angelangt. Daß beide Kinder, Ulla und Hans ohne allen Schaden aus dem Krieg zurückkamen, war ein so großes Glück, daß alle anderen Dinge zur Kleinigkeit wurden, ohne jede Bedeutung.

Unsere besonderen Schwierigkeiten lagen auf der Lebensmittellinie. Die Amerikaner plünderten die Räucherkammer,  die Russen und Polen stahlen drei Schweine und zwei Milchlämmchen. Im Spätsommer brach das große Gestell für Weckgläser mit drei voll beladenen Böden und darunter stehendem Topf mit Eiern zusammen. Der Schaden war natürlich groß, aber der Wertmesser für Schaden und Unglück ist in Kriegsjahren und Nachkriegszeiten so ganz anders als in normalen Zeitläufen, daß man eben nur feststellt, daß man andere Möglichkeiten und Wege zu suchen hat. wie so ganz anders war die­ser Sommer als der vorangegangene! Damals genoss man den wunderbaren Sommer, als erlebte man ihn zum ersten Mal bewußt und der furchtbare Hintergrund von Krieg und Zerstörung, das Wissen, daß vielleicht kein anderer Sommer mehr folgen würde, machte alle Farben und Töne heller und leuchtender und wärmer. Man fühlte sich getragen von einer schwebenden Heiterkeit, eingefügt in die große Ordnung,  in die sichere Hut des göttlichen Willens. Und wie stand man da, noch einmal vom Abgrund weggerissen. Verwaist und tastend suchte man sich zurechtzufinden in der so gänzlich veränderten Lage. Das Recht von gestern war Unrecht geworden und es war nicht zu begreifen, daß man wieder seine eigene Überzeugung laut und deutlich sagen durfte.

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