Version 1.0 Gerhard - Hermann Kuhlmann, März 2015

Aufzeichnungen von Martha Teutmeyer aus den Jahren 1946 - 1951

21. April 1946  (Ostersonntag)

Ein selten schöner Tag, Sonnenschein, köstlich blühende Magnolien, Aufbrechen der Kirchen und Mandelblüten. Der Büchenberg wird grün. Die Eßstube mit dem ::::: von Kachelofen und seine herrliche Wärme steht voll Blumen Kirschblüten, Vergissmeinnicht, Mandelblüten, Schlüsselblumen, Weißdorn und Quitten.

Weiße Tischtücher und Decken liegen auf, wie lange haben wir das vermißt. Hans Friedrich ist aus Schmedissen zu Besuch, der Vater liest im Soll und Haben. Es ist wunderschön, man könnte fast vergessen, was uns noch alles bevorsteht. Abends weht kühler Nordwind, den 2. Tag, bei nicht ganz schönem Wetter gehen Hete, Eva und ich nach Hornoldendorf zu Tante Marie. Onkel Friedrich und Gerhard, der seit ein paar Wochen aus der Gefangenschaft aus Frankreich zurück ist, sind bei Erika in der Lüneburger Heide. Werner ist noch immer in Rußland in Reval. Der drohende Regen hat sich wieder verzogen, es ist kühler.

Im Februar, gerade als unser schöner Kachelofen gebaut wurde und alles in Unordnung war, kam ein grosses Hochwasser das in ganz Deutschland ungeheure Zerstörungen anrichtete. Brücken und Schienenstränge wurden überall von reißenden Wassermassen unterhöhlt und eingerissen. Überall, wo die Flüsse Städte berühren, standen die tiefer gelegenen Stadtteile unter Wasser. In der Gegend von Lügde kamen gegen 400 Stück Rindvieh ums Leben, sie ersoffen in den Ställen, das Wasser kam so unerwartet und schnell, daß jede Hilfe zu spät kam. Auch Menschen, die gerade unterwegs waren, kamen um, so ein Radfahrer, der geglaubt hatte, auf dem Rade besser durchzukommen, der aber herunter fiel und ertrank . Auch in Detmold standen viele Straßen unter Wasser. Die Leute konnten eine Zeitlang nicht aus ihren Häusern kommen. (Die Keller standen vielfach unter Wasser und die kostbaren Kartoffeln schwammen mitsamt allen anderen Vorräten umher. An der Zentrale stürzte die Brücke über der Berlebecke zusammen und ist bis heute Ende April noch nicht wieder aufgebaut worden, weil das Material fehlt. Die Straßenbahn nach Hiddesen fährt seitdem nicht mehr. Auf dem Teuthof hat das Wasser auch viel Schaden getan. An 500 Fuder Mist flossen von den Äckern am Hermannsweg herunter, der Hermannsweg war aufgerissen durch die Gewalt des stürzenden Wassers, mitten durch das Hoftor des Wohnhauses kam ein Sturzbach, der noch tagelang in den Hühnerkamp brauste und auf wunderlichen Umwegen den Kohlenkeller unter Wasser setzte. Die Spuren dieses ‚Teutbaches‘ sind noch recht deutlich zu sehen, obgleich man sich Mühe gab, das mehr als 60 cm tiefe Bett, das er zurückließ, mit dem Schutt auszufüllen, das sich beim Bau und Umbau den Kachelofen ergab. Die Wiesen standen viel weiter als je zuvor unter Wasser und als wir abends im oberen Stockwerk des Wohnhauses hinausblickten, konnten wir glauben, auf einem Leuchtturm im Meere zu stehen, wo sich die Lichter von Friedenstal und der Zentrale in den wogenden Wassern gespenstisch spiegelten. An den Häusern und Ställen geschah nicht der geringste Schaden, aber im Übrigen mußte man doch sagen, daß derartiges seit Menschengedenken nicht erlebt wurde. Der alte Johann Conrad würde, hätte er dies gesehen, in seine Chronik eingetragen haben „und ist ein großer Wasserfluß gewesen, wie noch niemals gewesen ist.“

Es gibt in diesem Jahr mehr Hilfskräfte als je zuvor. Im Felde wurde Gartenland an Privatleute aus Hiddesen und Heiligenkirchen abgegeben und da die Leute als Entgelt zu arbeiten hatten, waren auch für den Garten immer Hilfskräfte zu haben. Ein noch nie dagewesener Zustand. Ein Molkereifachmann stellt uns im Haushalt einen Käse aus Biestmilch her, der 6-8 Wochen zum Reifen brauchte und natürlich eine hochwillkommene Beisteuerung zum Küchenzettel war.

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