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Version 1.0 Gerhard - Hermann Kuhlmann, Februar 2015

Notizen von Margarete (Hete) Teutmeyer aus den letzten Kriegstagen bis Ende 1945 (05)

6. April 1945

Wir können wieder in unser Haus ziehen, die Amerikaner,  die da gewohnt haben, haben alles durcheinander gebracht. Wir stehen vor dem Haus und warten, bis die letzten Amerikaner rausgehen, damit wir noch vor den Russen und Polen in's Haus können, die stehen nämlich auch schon bereit. Aber es klappt, wir sind drin und misten erst mal aus. Ein unbeschreiblicher Dreck. Die Betten voll  Ungeziefer.  Aber das Ungeziefer kann auch von der SS stammen, wir wissen es nicht. Nach der ersten Nacht sind wir am ganzen Körper zerstochen. Es war nicht einfach dieses Unzeuch wieder loszuwerden. In Detmold wurden die Geschäfte geplündert. Rosa[1] kam zu mir und bot mir an, von ihrer geraubten Schätzen abzugeben. Sie haben Radios, Schallplattenspieler Sitzkissen Schifferklavier mitgehen lassen und in ihren Ranzen gepackt. Ich dankte und verzichtete. Unsere Vorräte waren kümmerlich. Die Amerikaner hatten unsere Räucherkammer ausgeplündert, dicke Speck und Schinkenschwarten mit 1-2 cm Speck drauf, fanden wir im Garten wieder, wir haben's abgewaschen und verwertet. Die Amerikaner haben außer den Speckschwarten noch vieles andere aus dem Fenster geworfen, was sie nicht gebrauchen konnten. AIs ich des Morgens allein im Kuhstall beim Melken war, kamen mir völlig fremde Russen in den Stall und holten Milch. Als sie alles restlos für sich beanspruchen wollten, habe ich ihnen erklärt,  dass ich etwas behalten müsste für die kleinen Kinder,  die in der Nachbar­schaft (aus Detmold geflohen) wohnten. In den letzten Tagen, als die Schießerei noch fast ununterbrochen anhielt, trauten sich die Leute nicht raus. Dann bin ich mit der Austragskanne losgezogen und habe ihnen die Milch gebracht, das wollte ich auch heute tun. Inzwischen kam Vater dazu und wurde energisch, als der Russe den letzten Rest Milch mitnehmen wollte. Der Russe griff Vater an und  zog ihm mit dem Schlips den Hals zu. Vater ließ seinen Stock fallen und war deshalb noch hilfloser. Ich stellte mich hinter den Russen und drückte meinerseits seine Kehle zu, damit er von Vater ließ. Das glückte auch, er lief raus und drohte mit allen Freunden wiederzukommen um uns umzubringen. Vater floh aus der unteren Stalltür durch den Kälberkamp zum Wohnhaus. Da bollerte es auch schon an der Tür. Ich machte nicht gleich auf und fragte, was sie wollten: „Wo ist Cheff" riefen einige: "Der ist nicht hier", sie verlangten Einlass, ich machte die Tür auf, damit sie sich überzeugen konnten. Da stand nun ein wilder Haufen fremder Russen und Polen, grad aus dem Bett gekrochen mit wirren Haaren, die meisten in der Unterwäsche.  Ich lachte und sagte, sie wären ja nicht mal angezogen, sie sollten das nachholen. Sie waren verwirrt und zogen mit ihren, von den deutschen Soldaten geklauten Waffen, wieder ab, dann ging ich auch nach Haus, als die Stallarbeiten erledigt waren, Die Polen und Russen ließen sich an dem Tag nicht mehr blicken. Es ziehen immer noch deutsche Soldaten durch, aber natürlich nicht in Uniform, sie tragen die sonder­barste Zivilkleidung. Einer schob eine Schubkarre mit Plattschüppe und etwas Bauschutt vor sich her, ein anderer war in schwarzer Trauerkleidung mit Zylinder und Totenkranz, den er, möglicher­weise nach Bedarf auf dem nächstbesten Friedhof gegen einen frischen eintauschten kann. Ob sie aber alle ungeschoren bis in ihren Heimat­ort gelangt sind, ist bei den scharfen Militärkontrollen zweifel­haft,  die verdreckten Schuhe und dreckbespritze Kleidung des Trauernden ließen einen sehr langen Fußmarsch vermuten. Viele andere phantasievolle Verkleidungen konnten wir mehrere Tage auf den Straßen bewundern.


[1]  Rosa und Iwan waren ein Paar aus Rußland die kriegsbedingt auf dem Teuthof arbeiteten. (Status vermutlich „Ostarbeiter“, wohl nicht Kriegsgefangene. Sie lebten in einem Raum hinter dem Pferdestall des alten Hauses. (Auskunft Ursula Finne August 2013)

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